8. Burgbernheimer Berglauf 21.05.2011

“… eine Strecke mit bis zu 150 Höhenunterschied wartet auf die Läufer…” so die etwas kryptische Ankündigung der örtlichen Presse. Das unsinnige “bis zu” hätte mich misstrauisch machen sollen. Aber optimistisch wie immer schloss ich, dass ein Wettkampf mit 150 m Höhenunterschied auf 15 km mitten in der Frühjahrstrainingsphase ein vergnüglicher, nicht überaus strapaziöser Sonntagsausflug zu werden versprach. Also machten sich am 21. Mai Sportskamerad Stefan Voss und meine Wenigkeit nach dem Down-Syndrom-Sportfest auf den Weg zum 8. Burgbernheimer Berglauf. Diese Metropole liegt etwa 20 km südwestlich von Rothenburg o.d.T. mitten in Bierfranken, der Region mit der höchsten Privatbrauereidichte der Welt. Leider für Langstreckenläufer meist tabu …

Erst nach der Ankunft vor Ort belehrt mich ein Probegang auf dem ersten Kilometer über meinen Irrtum. Schon hier sind etwa 60 bis 70 Meter auf- und wieder abwärts zu bewältigen. Das Studium des Streckenprofils offenbart: nicht 150, sondern über 600 Höhenmeter auf 14,5 Kilometer Distanz (hinterher zeigen unsere Uhren übereinstimmend knapp 15½ km an)…

Dafür muss man sich gut stärken. Und weil Stephan schon vor einem halben Jahr in diese Gegend ausgewandert ist (er startet aber immer noch regelmäßig für den TVK), hat er eine gute Übersicht über das örtliche Restaurantangebot. Wir kehren in einen Landgasthof in einem winzigen Dorf hinter den idyllisch im Wald gelegenen amerikanischen Raketenstellungen ein. Die Apache- Hubschrauber fliegen samstagabends nicht, also sind wir nur von Grillenzirpen und Wälderrauschen umgeben.

Das Essen hat es in sich: Das Schäufele passt zum Thema des Sonntags: berghoch türmt es sich auf dem Teller, mit knackiger Kruste auf der Fettschwarte, genau wie es sein muss. Ideale Wettkampfvorbereitung ist das nicht, aber gut für die Seele. Das Lammsteak steht dem Schäufele an Umfang nicht nach – und die auf beiden Tellern paarweise servierten Knödel liegen so prallvoll und rund daneben, dass sie uns schmerzhaft an das Fehlen des weiblichen Teil des TV Kalbach Lauftreffs erinnern. Da wurde dann einer von uns doch schwach und bestellte sich zur Schorle noch ein Dunkles aus der Hausbrauerei. Alkohol besteht aus reinen Kohlehydraten bestätigte der Mitstreiter, und der ist immerhin diplomierter Ernährungsberater.

Also gestärkt ging es am nächsten Tag in aller Frühe nach Burgbernheim zum Start. Schon die Anfahrt zum Start am Dorfsportplatz enthielt Steigungen von über 15%.

Vielleicht sind es deshalb auch nur 75 Gemeldete. Die Atmosphäre ist angenehm familiär, man kennt sich, wir Kalbacher werden als “weit Angereiste” besonders begrüßt. Kurz wird die Strecke erklärt, Markierungen sind rotweiße Flatterbänder, die von den Bäumen hängen. An manchen Stellen muss man gut hinschauen, im vergangenen Jahr haben einige Läufer Abbiegungen der Laufstrecke vom Waldweg verpasst.

Mein erster richtiger Berglauf, dementsprechend lasse ich es ruhiger angehen als sonst, um Kräfte zu sparen, erst mal sehen wie’s läuft. Die ersten langen, aber noch flachen Steigungen in praller Sonne gehen ganz gut, aber man ahnt die 28 Grad, die es im Laufe des Tages noch werden. Bergab geht es schon kerniger zu, ich schätze das Gefälle auf 15-18%. Beim Crosslauf werden Hindernisse nicht besonders angezeigt, zum Glück haben wir die drei Treppen bei Kilometer 1,2 schon vorher erkundet. Hier kann man entscheiden, ob man neben oder auf den Stufen runterkommt. Ich probiere beides aus. Daneben ist etwas besser. Hier wie an einigen anderen Stellen ist der Weg zu eng um zu überholen. Aber es sind ohnehin schon jetzt nur noch ungefähr gleichstarke Läufer gruppenweise beisammen.

Als die ersten richtigen Anstiege kommen, zieht sich das Feld schnell ganz auseinander, statt Läufern hat man vor allem wunderschöne Blicke in die weite Landschaft, duftende Wälder und raschelndes Laub um sich herum. Und das eigene Schnaufen. Es ist teilweise viehisch steil. Bergab ist übrigens kaum besser, denn die Strecken sind so abschüssig, dass man oft mit schnellen Trippelschritten eher bremsen muss als rennen kann (dass ein Läufer die entsprechenden Muskelpartien normalerweise wenig nutzt, spüre ich noch beim Schreiben dieser Zeilen zwei Tage später).

An einer lang gezogenen Aufwärtspassage hat man wieder die Wahl zwischen einer Treppe und einem Pfad. Ich probiere beides. Beides anstrengend Normales Tempomanagement ist hier hinfällig. Wenn man einen Kilometer in 3:35 läuft und den nächsten in 6:30, kann man nur dem eigenen Körpergefühl vertrauen. Auf der zweiten Hälfte wird es nicht leichter, aber langsam gewöhne ich mich an den steten Wechsel von auf und abwärts, Fahrweg und schmalem Pfad. Jetzt kommen auch Läufer wieder in Sichtweite, die ich schon früh aus den Augen verloren hatte. Das motiviert, solange man mehr einholt als selbst überholt wird.

Am schlimmsten ist eigentlich die Ski-Piste, die man zweimal hinab laufen muss. Gerade noch geeignet um ohne Bremsen mit Riesensätzen hinunter zukommen aber so steil, dass man bei einem Sturz den nächsten Modelwettbewerb sicher abschreiben könnte. Egal, Berglauf ist kein Ponyhof, also: Krachen lassen. Außerdem stelle ich fest, daß ich bergab mehr Boden auf die vor mir Liegenden gutmache als bergauf. Kunststück, die steileren Passagen gehe ich zum gut Teil, mit Händen auf den Oberschenkeln, einer Technik, die mir mal ein schottischer Berglaufmeister gezeigt hat. Nur, dass man die wohl eigentlich erst ab 50% Steigung einsetzt … Im Wettkampf gehen statt laufen, auch das ist für mich neu.

Als alles überstanden ist, die beiden Frankfurter im Ziel, halten sich Erschöpfung, Erleichterung und Stolz die Waage. Es war eine der schönsten Wettkampfstrecken, die wir je gelaufen sind. In vier Wochen werden wir beim Taunussteiner Waldlauf (19.6.) unsere neue Bergerfahrung sicher gut einsetzen können. Da gibt es abends vorher kein Schäufele mit Klößen, aber dafür sind dann mehr vom TV Kalbach dabei.

Ergebnisse: 70 im Ziel (davon 7 Frauen).  Kai Funkschmidt 1:17:51 (=16. Platz  8. M45), Stephan Voss 1:25:11 (=27. Platz, 4. M35). Der Sieger (M45) lief 1:06:08, Streckenrekord liegt bei 0:56.

Kai Funkschmidt

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